Johannes Schieber

Parents

Marriages

Siblings

Ancestors

Christine Walz 1725-1779






























Johannes Schieber 1821-

Notes

1 - Ortsfamilienbuch Eichstetten

1842 nach Venezuela. Zimmermann. 1842 mit der Endinger Auswanderung nach Tovar in Venezuela ausgewandert. Brief von 1844 im GA Eichstetten. Chronik Eichstetten II, 75 ff.

2 - Chronik Eichstetten, Band II

2.1 - Johann Schieber in Venezuela

Anfang Juni 1845 erhält das Bürgermeisteramt Eichstetten ungewöhnliche Post vom Großherzoglichen Oberamt Emmendingen. Bürgermeister Bär ist gerade ein Jahr im Amt. Auswandererangelegenheiten sind für ihn nichts Neues. Immer häufiger muss er Anträge auf Genehmigung der Auswanderung bearbeiten. Und er weiß, dass sich noch viele Einwohner mit dem Gedanken tragen, nach Nordamerika auszuwandern. Aber dieses Schreiben des Oberamts überrascht ihn: "Die Unterstützung von Auswanderern aus dem Großherzogtum Baden nach Venezuela betreffend: An den Ortsvorstand in Eichstetten. Johann Schieber, Eheleute von Eichstetten, welche nach Venezuela ausgewandert sind, befinden sich nach einer Mitteilung hoher Regierung in der äußersten Not, und wir sind aufgefordert, ihre Angehörigen, Verwandten, Freunde und Mitbürger und die Gemeindekasse zu einer Unterstützung für dieselben aufzufordern. Der Ortsvorstand wird daher angewiesen, eine Sammlung zu diesem Zwecke zu veranstalten und ihren Ertrag binnen vier Wochen hierher einzusenden. Pfister."

Bürgermeister Bär ist gebürtiger Eichstetter, er kennt die örtlichen Verhältnisse. Knapp 30 Eichstetter sind in den letzten Jahren ausgewandert, er kennt alle mit Namen. Aber "Johann Schieber Eheleute von Eichstetten"? Er kann mit Sicherheit sagen, dass von Eichstetten kein Ehepaar Schieber ausgewandert ist, allerdings im Dezember 1842 ein lediger Zimmermann namens Johann Schieber. Dieser hat sich damals als einziger Eichstetter der Auswanderergruppe aus Endingen und Wyhl angeschlossen, die nach Tovar in Venezuela ging. Sollte dieser gemeint sein? Bürgermeister Bär zieht Erkundigungen ein. Er befragt die Eltern des Johann Schieber, ob sie Nachricht von ihrem Sohn hätten. Die Eltern legen einen Brief ihres Sohnes vom Januar 1844 vor. Dieser Brief ist erhalten. Er wird als ein wertvolles Dokument der Eichstetter Auswanderungen ungekürzt wiedergegeben. Johann Schieber schreibt:

"Kolonie Thouvart, den 10. Januar 1844

Liebe Eltern, ich grüße euch. Es wird euch wundern, wie es mir geht. Jetzt will ich euch die reine Wahrheit schreiben. Zum ersten sind wir nach Habre abgefahren den 10. Januar 1843, von da bis Josephstag, den 19. März 1843, in der Zeit haben wir nichts gesehen als Himmel und Wasser. Zum zweiten ist es mir noch nicht so bös gegangen bis daher. Ich bin verheiratet mit Agathe Holzer von Wasenweiler und seit ihr mich gesehen habt, hat mir noch nichts gefehlt und meiner lieben Frau auch nichts. Jetzt weiß ich nicht, welchen Tag oder Stunde dass sie niederkommt. Ihr dürft nicht glauben, dass die Schieber aussterben.

Schulden habe ich, es wäre in Deutschland einem bang, 500 Franken habe ich abverdient von der Schuld, 500 Franken habe ich noch. 400 Franken habe ich in der Haushaltung. Wir haben zwei Schweine geschlachtet, eines haben wir noch. Wenn ein Bierbrauer in dem Land wäre, die Flasche kostet 2 Franken. Wenn der Scherzer kommen kann, mit 300 Gulden kommt er bis nach Loquira, dort will ich ihn abholen, wenn er keine Kreuzer mehr hat. Ich will ihm eine Bierbrauerei bauen, es kostet ihn nichts, wenn er kommt. In fünf Jahren können wir wieder zurückkehren, wenn wir gesund bleiben. Gerste gibt es genug in der Kolonie.

Feld kann einer haben, so viel er will. Aber ein Bauersmann ist ein unglücklicher Mann, denn in dem ganzen Land ist alles hügeliger Steinfelsen, soweit man sehen kann. Es weiß niemand, was ein Pflug ist. Mit einem Wort heißt es bei euch, die Welt ist mit Brettern vernagelt, hier bei uns ist sie aber mit Lienen verbunden, dass man nicht zehn Schritte in den Wald hinein kann. Und wir sehen nichts als Himmel und Wald. Zehn Stunden haben wir durch den Wald in einen Ort.

Ich wünsche und hoffe, dass wir einander noch einmal sehen in Deutschland. Da wollen wir mündlich miteinander sprechen. Für Handwerksleute ist es gut hier. Ich grüße euch noch einmal und alle, die mir nachfragen."

Es folgt ein Zusatz der Ehefrau:

"Auch von einer Agathe Holzer einen Gruß an euch alle und von unserer Mutter auch einen Gruß und von meinen Geschwistern auch einen Gruß an euch alle und alle, die uns nachfragen. Johann Schieber und Agathe Holzer 1844."

Die Sprache ist einfach, die Schrift ungelenk. Aber es ist erstaunlich, wie genau Johann Schieber die wesentlichen Aspekte einer Auswanderung und sein neues Leben schildert. Zunächst erzählt er kurz von der Überfahrt. Dann kommt er auf seine Familie zu sprechen. Er hat noch auf dem Schiff oder kurz nach der Ankunft Agathe Holzer aus Wasenweiler geheiratet. Er ist in der über 400 Personen zählenden Auswanderergruppe einer der wenigen evangelischer Konfession. Seine Ehefrau Agathe Holzer stammt aus Wasenweiler, sie ist katholisch. Hat er sich ihretwegen der Auswanderergruppe nach Tovar angeschlossen? Mit Stolz berichtet er von der erwarteten Niederkunft seiner Frau: "Ihr dürft nicht glauben, dass die Schieber aussterben".

Dann legt er seine finanziellen Verhältnisse offen. Die Zahl der geschlachteten Schweine soll den Wohlstand der Familie nachweisen. So schreiben auch Stephan und August Holzer im September 1843 aus Tovar an ihre Verwandten in Wasenweiler: "Wir sind 24 Wochen hier und haben schon drei Schweine geschlachtet".

Johann Schieber hat das Handwerk des Zimmermanns erlernt, aber er betrachtet das Land mit den Augen des Landwirts: "Feld kann einer haben, so viele er will. Aber ein Bauersmann ist ein unglücklicher Mann". Man spürt das Staunen über die Weite des Landes: "Der nächste Ort ist zehn Stunden entfernt." Wer aus dem dicht besiedelten und übervölkerten Breisgau kommt, für den ist die unermessliche Weite überwältigend. Aber diese Weite bedeutet auch Einsamkeit und Heimweh. So ist es nicht erstaunlich, dass er sich wünscht, dass weitere Eichstetter nach Tovar kommen: "Wenn der Scherzer kommen kann...". Und schließlich folgt, wie so oft in den Briefen der Ausgewanderten, der Traum von einer Rückkehr als gemachter Mann. "In fünf Jahren könnten wir wieder zurückkehren, wenn wir gesund bleiben."

Nach diesem Brief zu urteilen, leidet Johann Schieber keine Not. Bürgermeister Bär ist zufrieden. Er antwortet dem Oberamt: "Hinberichtet, dass von hier keineswegs Eheleute(?) in Amerika sind. Es ist vor zwei jahren einer fort mit Namen Johann Schieber, Zimmermann, der wird aber wohl sein Brot haben. Nach einem Schreiben von demselben hat dieser sein Auskommen und niemand will nichts beisteuern, bis man näheren Aufschluss hat."

Für Bürgermeister Bär ist der Vorgang damit abgeschlossen. Aber als umsichtiger Bürgermeister nimmt er den Brief zu den Akten, und so ist er der Nachwelt erhalten geblieben. Doch die Angelegenheit ist noch nicht erledigt. Das Oberamt Emmendingen meldet sich erneut:

"Die Auswanderung des Johann Schieber nach Venezuela betr. wird dem Bürgermeisteramt auf seinen Bericht vom 10 d. M. erwidert, dass Johann Schieber während seiner Auswanderung sich wahrscheinlich verheiratet, da er und seine Frau der Unterstützung bedürftig empfohlen wird. Man muss daher der Mildtätigkeit seiner Angehörigen, Verwandten und Freunde überlassen, ob und welche Unterstützung sie ihm angedeihen lassen wollen. Wahrscheinlich aber ist, dass er in der Gegend, in welcher er wirklich ist, sein Handwerk zu treiben nicht im Stande ist. Emmendingen, den 12. Juni 1845, Großherzogliches Oberamt, Pfister."

Nun erscheinen die Schilderungen des Johann Schieber in einem anderen Licht. Er schreibt zwar in den ersten Zeilen: "Jetzt will ich euch die reine Wahrheit schreiben." War es die reine Wahrheit?

Die Gemeinde sieht sich außerstande zu helfen, selbst die Eltern und die erwachsenen Geschwister des Johann Schieber scheinen nicht zur Unterstützung bereit zu sein, zumindest nicht auf diesem Wege. Die Antwort ist Bürgermeisters lautet:

"Einberichtet, dass im höchsten Falle 10 Gulden können Unterstützung geleistet werden, von den Bürgern wird nichts getan, und die Gemeindekasse kann nichts leisten. Deshalb bleibt es dem Schicksal überlassen. Eichstetten, den 18. Juni 1845."

Die Träume das Johann Schieber, seine Hoffnungen und Wünsche sind nicht in Erfüllung gegangen. Er ist sicher nicht reich geworden, er ist nicht nach Eichstetten zurückgekehrt, er hat seine Eltern und Geschwister nicht wiedergesehen, kein weiterer Eichstetter ist nach Tovar gegangen. Selbst seine Brüder Georg Friedrich und Jakob Martin, die nur drei Jahre später auswanderten, gehen nicht nach Tovar, sondern mit weiteren Eichstettern nach dem meistgewählten Ziel jener Jahre, nach dem Staat Ohio in Nordamerika.

Sources:
- person: OFB Eichstetten
- marriage: Chronik Eichstetten - Band II

Note: Missing data can be supplemented and incorrect data corrected, please contact Geneee.